35 Jahre Koordinationskreis Asyl Darmstadt und Region – 10 Jahre Mahnwachen

Angefangen hat alles, soweit ich mich erinnern kann, Anfang der Neunzigerjahre angesichts der Grundgesetzänderung Art. 16a: Politisch Verfolgte, genießen Asylrecht. Es entstand das Interesse an einer gemeinsamen Stimme in der Öffentlichkeit. Wir erinnern uns: der eiserne Vorhang war gefallen, und damals kamen schon einmal in größerer Zahl Flüchtlinge aus Osteuropa, beziehungsweise aus Asien über Osteuropa nach Deutschland. Lokale Flüchtlingsunterkünfte wurden aufgebaut, wobei oft nicht klar war wie die Menschen, die dort nun leben sollten, begleitet werden. Spontan bildeten sich in mehreren Gemeinden Arbeitsgruppen, die sich dieser neu zugezogenen Menschen annahmen.

In diesen Gruppen entstand bald ein Interesse an Austausch untereinander, an gemeinsamen Aktivitäten zum Thema Flucht und Asyl, an Veranstaltungen und Informationen für die Gesellschaft. So entwickelte sich eine informelle Gruppe, die sich mit dem Thema in unserer Region gesellschaftspolitisch befasste.

In der Katholische Hochschulgemeinde Darmstadt (KHG) entstand ein Arbeitskreis, der in der Flüchtlingsunterkunft am Kavalleriesand, einer Außenstelle der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Hessen, tätig wurde. Der Arbeitskreis bot in der Unterkunft eine Teestube an und kümmerte sich um die Menschen, die den Weg dorthin fanden. Der Arbeitskreis bestand aus engagierten Studentinnen und Studenten, die im Rahmen der KHG wöchentlich eine Teestube in dieser Zweigstelle betrieben. Die sich entwickelnde regionale Gruppe traf sich in der KHG. Ein frühes gemeinsames Engagement war der Widerspruch zur geplanten Änderung des GG-Artikels 16a, die die Zahlen der Anerkennung von Asylberechtigten deutlich erschweren sollte. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Eike Ebert war damals unser Gesprächsgegenüber, den wir mit vereinten Kräften zu überzeugen versuchten, nicht für die Änderung des Grundgesetzartikels zu stimmen. Es kam anders.

Mit der Einrichtung eines Sprachkurses für Menschen im Asylverfahren machte der Arbeitskreis ein eigenes regionales Angebot, unabhängig von den lokalen Helferkreisen. Für die Zielgruppe „Menschen im Asylverfahren“ gab es in diesen Anfangszeiten keinerlei Angebote, so auch keine Sprachkurse. Deshalb richteten wir einen solchen Sprachkurs ein und es kamen Interessierte aus Stadt und Landkreis bis hinaus nach Eppertshausen. Für Fortgeschrittene boten wir einen Konversations-Treff an. Unter dem Motto es kann über alles gesprochen werden, es muss nur auf Deutsch sein. Da musste ich mich zum Beispiel mal schlau machen, in der Faschingszeit ging es z.B. um die Tradition des Elferrates, wozu sich der Moderator erst mal selbst kundig machen musste. Wichtiges Kulturgut in Deutschland.

Die Nuller-Jahre waren dann geprägt von einem Rückgang der Flüchtlingszahlen und ebenso von einem Rückgang im Engagement, lokal als auch bei KOKAS. Wir waren zum Teil nur zu dritt, haben aber die Angebote aufrechterhalten. Möglich war das nur, weil im Arbeitskreis neben Aktiven in lokalen Arbeitskreisen auch Hauptamtliche der Wohlfahrtsverbände vertreten waren.

In den Zehnerjahren ging es dann wieder aufwärts, wenn ich so sagen darf. Wir richteten allmählich unsere Netzseite ein und waren somit auch auffindbar im Zeitalter des Internets. 2015 war dann auch für uns High Noon. In kürzester Zeit waren wir behilflich, lokale Arbeitskreise zu gründen, beziehungsweise neu zu beleben, in Messel, Roßdorf, Eberstadt, Pfungstadt und Kranichstein. Schnell wurde uns klar, dass es auch eine Betreuung der Betreuer braucht. So haben wir zum Beispiel mit der TU Darmstadt, der dortigen Abteilung „Deutsch als Zweitsprache“ Bildungsangebote für Begleiterinnen entwickelt, die vor der Herausforderung standen, Alphabetisierungs-Kurse einzurichten. Es war eine hektische Zeit der Aktivitäten, KOKAS hat Vorträge gehalten, Workshops mitgestaltet, zum Beispiel bei einem hessischen Schülerkongress in Griesheim (2016), oder in der Kunsthalle Darmstadt mit dem Titel „Flucht bewegt Kunst“ (2018). In Pfungstadt waren wir beim Hessentag (2023) präsent und so weiter.

Vieles davon konnte nur gelingen durch die Zusammenarbeit mit einem lokalen Arbeitskreis, bzw. durch das Zusammenwirken mehrerer Arbeitskreise. Ein Höhepunkt unserer Arbeit war das Willkommens-Kulturfest in der Heydenmühle in Otzberg/Nieder-Klingen 2018. Rund 400 Menschen hatten sich zu diesem Fest eingefunden. Und natürlich ist das Fest auch nur gelungen, weil sehr viele lokale Arbeitskreise mitmachten.

Der Koordinationskreis Asyl bietet keine eigene Fallberatung an, aber Mitglieder des Arbeitskreises begleiteten Flüchtlinge an ihren Wohnorten. Andere waren und sind als Einzelpersonen bei KOKAS aktiv, ohne lokale Anbindung. Bei vielen Sommerfesten und sonstigen Veranstaltungen war KOKAS mit seinem Angebot „Gesicht zeigen, ich bin gegen Rassismus, weil…“ präsent. Im kommenden Jahr ist ein weiterer runder Jahrestag einer Initiative von KOKAS, gemeinsam mit dem damaligen Interreligiösen Arbeitskreis fällig: Das „Gedenken an die Toten an den europäischen Außengrenzen“. Es findet jeweils am Volkstrauertag im November statt und hat mittlerweile einen eigenen Trägerkreis gefunden. Und 2016, vor zehn Jahren haben wir die Mahnwachen auf dem Luisenplatz begonnen, die bis heute fortgeführt werden, jeweils am dritten Montag im Monat, sozusagen als unsere Montagsdemo. Dazu haben sich immer wenigstens 3 Personen eingefunden. Die Idee war auch, und ist: Verschiedenste gesellschaftliche Gruppen, Organisationen übernehmen immer mal wieder eine Mahnwache. Das hat nur mäßig geklappt.

Und wir sind keine Ausnahme: Es fehlt KOKAS an Aktiven, viele Aktionsformate können nicht weiterverfolgt werden. Mal sehen, wie lange der Atem noch reicht.

Mahnwache Juni 24, Bild Borgetto, Unterstützung durch Ev. Matthäus-Gemeinde Darmstadt